EuGH, Patentrecht

Schlussanträge zu EuGH C-364/13: „Brüstle revisited“

Verwendet ein Verfahren zur Herstellung pluripotenter Stammzellen mittels Parthenogenese „menschliche Embryonen“, so dass es nicht patentierbar ist? Oder, in den Worten des vorlegenden High Courts of Justice of England and Wales:

„Are unfertilised human ova whose division and further development have been stimulated by parthenogenesis, and which, in contrast to fertilised ova, contain only pluripotent cells and are incapable of developing into human beings, included in the term ‚human embryos‘ in Article 6(2)(c) of Directive 98/44 on the Legal Protection of Biotechnological Inventions?“ (Rz. 21)

Die Frage zeigt das Spannungsfeld auf, in welchem Technologie, Recht und Ethik zueinander stehen. Die Biopatentrichtlinie 98/44/EG enthält in Art. 5 und 6 (in Deutschland umgesetzt in §§ 1a, 2 PatG) ethisch bedingte Ausnahmen von der Patentierbarkeit entsprechender Erfindungen. Spätestens seit dem Brüstle-Verfahren vor dem EuGH (C-34/10) sind weite Teile der Öffentlichkeit für die Auseinandersetzung mit „Patenten auf Leben“ sensibilisiert. Das Vorabentscheidungersuchen des High Court of Justice bietet erneut die Gelegenheit, sich mit dem Begriff „menschliche Embryonen“ auseinanderzusetzen.

Generalanwalt Cruz Villalón hat die Vorlagefrage nun in seinen am 17. Juli 2014 veröffentlichten Schlussanträgen zum Verfahren C-364/13 (International Stem Cell Corporation / Comptroller General of Patents, siehe auch Pressemitteilung) grundsätzlich zu Gunsten der Patentierbarkeit eines Verfahrens unter Verwendung sog. Parthenoten beantwortet. Parthenoten sind, sehr vereinfacht gesprochen, unbefruchtete Eizellen, die mittels chemischer oder elektrischer Techniken pluripotente, nicht aber totipontente Stammzellen, entwickeln (Parthenogenese). Gerade weil diese behandelten Eizellen sich nicht zu einem vollständigen menschlichen Lebewesen entwickeln können, stellen sie laut Generalanwalt Cruz Villalón kein „funktionales Äquivalent“ einer befruchteten Eizelle dar und seien daher menschlichen Embryonen auch nicht gleichzusetzen (Rz. 73 f.). Mithin sei ein Ausschluss gemäß Art. 6 Abs. 2 lit. c) der Biopatentrichtlinie nicht angezeigt. Allerdings stehe es Mitgliedstaaten frei, Verfahren unter Verwendung von Parthenoten als Verstoß gegen den ordre public (Art. 6 Abs. 1 Biopatentrichtlinie) zu werten und auf diesem Weg einen Patentierungsausschluss auszusprechen (Rz. 42 f.).

Die Schlussanträge sind auch deshalb interessant, weil sie das Brüstle-Urteil des EuGH einschränken. Generalanwalt Cruz Villalón ist der Ansicht, dass der EuGH in Brüstle irrtümlich davon ausgegangen sei, dass sog. Parthenoten sich zu menschlichen Lebewesen entwickeln könnten.

„In my view, in Brüstle the Court has established a functional equivalence between fertilised ova, non-fertilised ova subjected to somatic-cell nuclear transfer and parthenotes. Even though parthenotes, as it is now apparent, are the only organisms among these three that cannot develop into human beings, the Court treats parthenotes and non-fertilised ova subjected to somatic-cell nuclear transfer within the same paragraph without mentioning any distinction between them and stating instead that both organisms ‘are, as is apparent from the written observations presented to the Court, capable of commencing the process of development of a human being just as an embryo created by fertilisation of an ovum can do so’. […] Had the Court been aware of the fundamental difference between parthenotes and non-fertilised ova subjected to somatic-cell nuclear transfer and nevertheless wanted to establish a functional equivalence between the two, it would certainly have discussed this difference.“ (Rz. 71)

Allerdings weist der Generalanwalt darauf hin, dass die Manipulation von Parthenoten derart, dass daraus später doch ein menschliches Lebewesen entstehen könnte, denkbar ist (Rz. 76 ff.). In einem solchen Fall könnte man aber nicht mehr von Parthenoten sprechen. Daher die Betonung:

Nevertheless, the mere possibility of a posterior genetic manipulation altering the fundamental characteristics of a parthenote does not change the parthenote’s character before the manipulation. As I have stated before, a parthenote as such does not, according to current scientific knowledge, have the ability to develop into a human being. Where the parthenote is manipulated in such a way that it actually obtains the respective capacity, it can no longer be considered a parthenote and it cannot be, consequently, patented.“ (Rz. 77) […] [P]rudence imposes to make clear that parthenotes can only be excluded from the term embryos to the extent that they have not been genetically manipulated to become capable of developing into a human being.“ (Rz. 78)

Ob der EuGH in seinem Urteil der Auffassung des Generalanwalts folgen wird, bleibt abzuwarten.

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